Selbstkultivierung in der Chinesischen Medizin Teil 2 – Tuina

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Im zweiten Teil dieser Reihe möchte ich über die Selbstkultivierung im Zusammenhang mit der Chinesischen Körperarbeit Tuina sprechen. Zunächst einmal wäre es dafür sicher hilfreich zu definieren, was Tuina überhaupt ist. Im Westen ist Tuina bisher weniger bekannt, und wenn dann läuft es meistens unter dem Begriff Chinesische Massage. Das ist jedoch nur eine Teilwahrheit, denn Tuina kann weitaus mehr – das Spektrum reicht von Massage, Physiotherapie und Osteopathie über Faszienrelease, Chiropraktik, Akupressur und Energiearbeit.

Patienten denken bei dem Wort Massage gewöhnlich an Wellness, reißen sich sofort die Kleider vom Leib und erwarten dann entsprechend eingeölt und massiert zu werden. Tuina kann aber auch „weh tun“, da hier sehr gezielt und zuweilen sehr kräftig gearbeitet wird. Traditionell bleibt der Patient angezogen, und wird mit einem Tuch bedeckt. Man behandelt also durch das Tuch, es sei denn, man möchte eine Salbe oder ähnliches auftragen.

Die Abdeckung mit dem Tuch hat einige Vorteile: zum Einen kann der Patient entspannter bleiben, weil er sich nicht „offenbaren“ muss. Berührung von einem fremden Menschen kann für viele Menschen ein Hürde sein, und hier ist der Kontakt eben nicht so intensiv. Im alten China blieb man aus Gründen der Sittlichkeit bekleidet. Auch für den Therapeuten kann die relative Distanz vorteilhaft sein. Hier folgert manch einer nun, daß die „Massage“ nun nicht so gut sei, weil man nicht gut ins Gewebe greifen könne. Das Gegenteil ist der Fall. Tuina kann wie gesagt sehr intensiv sein, und das Tuch ermöglicht bei vielen der angewendeten Techniken sogar eine verbesserte „Handhabung“, und Öl macht die Haut zu „rutschig“, um den gewünschten Halt zu haben. Zudem kühlt der Körper weniger aus und dies fördert die Bewegung von Qi und Blut. Traditionell hatte die Abdeckung außerdem den Grund, die Kleidung der oft armen Leute nicht zu beschädigen.

Tuina folgt wie jede Modalität der Chinesischen Medizin auf einer fundamentalen Ebene dem Prinzip von Yin und Yang. So kann je nach Problematik eine sehr äußerlich betonte, starke Manipulation (yang) oder eine manchmal kaum sichtbare, sanfte Manipulation (yin) zum Einsatz kommen.

Tuina gehört prinzipiell gesehen zum Separationsprinzip, und kann hier auch seine größte Wirkung entfalten. Es öffnet vor allem die Taiyang-Schicht (das Äußere des Körpers) und befreit so das Gewebe von Qi- und Blutstagnation.

Doch kommen wir nun zum Kernpunkt dieses Artikels, der Selbstkultivierung: Während bei der Akupunktur das Thema praktisch kaum eine Rolle zu spielen scheint (siehe Teil 1 dieses Artikels), so finden wir immerhin in manchen Tuina-Büchern Qigong- und Meditationsübungen zur Stärkung und zum Selbstschutz des Therapeuten. Auf einer noch profaneren Ebene geht es bei Körperarbeit vor allem erst einmal um die eigene Haltung. Jeder, der eine Form von Massage oder Manueller Therapie erlernt hat, hat sicher auch schon die Erfahrung gemacht, daß die Rückenschmerzen des Patienten nach der Behandlung weg waren, aber dafür der eigene Rücken schmerzte. Das passiert, wenn wir zu sehr beim Patienten sind, zu sehr im Geschehen, zuviel Kraft anwenden und unsere Mitte verlieren und so auch unsere korrekte und gesunde Haltung verloren geht.

Deshalb ist die Ausbildung eines verfeinerten Körpergefühls und einer erhöhten Selbstwahrnehmung besonders wichtig. Denn gerade die Menschen, die wir behandeln, haben dies in der Regel nicht. Abgesehen davon das die meisten Menschen sowieso mehr oder weniger Schiefstellungen und Rotationen mit sich herumtragen, bewegen sich unsere Patienten meistens auch noch uneffizient und gesundheitsschädlich. Sie „stehen in den Knochen“, überbelasten bestimmte Muskelgruppen, kompensieren aufgrund von Fehlstellungen oder vermeiden natürliche Bewegungen aufgrund von mangelnder Flexibilität. Gerade unter Belastung richten solche Fehlstellungen und Fehlbelastungen auch einen größeren Schaden im Gewebe an, so auch, wenn wir eine Form der manuellen Therapie oder Massage ausüben.

In den chinesischen Systemen sagt man, das Qi (Energie oder Atem) muss ins Dantien (Energiezentrum unterhalb des Bauchnabels, in der Körpermitte, zwischen Qihai und Mingmen) sinken und die Füße sollen mit der Erde verbunden sein. Diese mehr oder weniger abstrakten Formulierungen spiegeln bei entsprechendem Training ganz konkrete innere Wahrnehmungen wieder. Die Eigengewicht des Körpers sinkt vom Kopf hinunter durch die Hüfte über die Füße in die Erde, ohne irgendwo hängen zu bleiben. Drücken wir zum Beispiel die Knie durch, bleibt unser Gewicht im Kniegelenk stecken..eine klassische Fehlbelastung. Der Atem sinkt ins Dantien, das bedeutet zunächst einmal nur, das wir tief atmen und somit ein gutes Gefühl für unser Zentrum haben, energetisch als auch körperlich. Aus einer solchen Position lässt es sich gut arbeiten, und wir müssen in der Folge acht geben, die Position nicht aufzugeben, oder sagen wir, die entsprechenden Qualitäten auch beim körperlichen Positionswechsel beibehalten.

Im Kungfu gibt es zwei Grundstellungen, die ich persönlich sehr nützlich für die Tuina Praxis finde: die Reiterstellung (Ma Bu) und die Bogenstellung (Gong Bu).

 

Wer körperlich wenig trainiert ist, wird diese Stellungen sehr schnell als unangenehm empfinden, und aus der anfänglich tiefen Position unweigerlich immer mehr nach oben streben. Ma Bu stärkt insbesondere unsere Beine, und die Fähigkeit, unser Qi, unsere Atmung, unseren Fokus in unserer Mitte (Dantian) zu halten. Dies braucht ein gewisses Maß an Training, was gewöhnlich auch sehr anstrengend ist. Doch haben wir ein bestimmtes Level erreicht, so können wir komfortabel tief und verwurzelt stehen, während unsere Hände sich dem Patienten widmen können. Wir haben eine stabile Basis geschaffen, um selbst-bewusst und achtsam arbeiten zu können. Man nennt es auch „das Qi absenken“.

Eine einfache Methode, um Ma Bu zu üben ist es, mit dem kleinen Pferd (Ma = Pferd) zu beginnen (Füße etwa schulterbreit), und sich dann langsam zu steigern. Während des Übens ist darauf zu achten, dem Drang zu widerstehen, nach oben zu kommen, das Gewicht in die Füße sinken zu lassen und die Muskeln so weit wie möglich zu entspannen, vor allem die Muskeln der Hüfte und der Beine. Ebenso wichtig ist es, die Atmung nicht zu hoch kommen zu lassen, sondern möglichst tief ins Dantien zu atmen. Hier kann es helfen, die Hände auf den Bauch zu legen und sanft gegen die Hände zu atmen. Man kann mit einer Minute starten, und sich auf 5, 10 oder 20 Minuten hocharbeiten. Fühlt man sich hierbei wohl, kann man tiefer stehen und auch den Wechsel zwischen Ma Bu und Gong Bu üben.

Idealerweise lernt man dies mit einem Lehrer, da einige Korrekturen nötig sein können. Abgesehen von chinesischem Gongfu, Qigong, Tai Chi und anderen chinesischen Systemen ist Yoga sicher auch eine gute Methode, um korrekte Haltung, tiefe Atmung und Achtsamkeit zu kultivieren. Darüberhinaus brauchbare Aspekte finden wir im Taijiquan – nämlich die Schiebenden Hände, oder Pushing Hands. Dabei gehen wir mit dem Partner („Gegner“) in Kontakt und versuchen ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, während wir stabil (aber beweglich) bleiben. Und im Prinzip ist Tuina auch Partnerarbeit. Wir übertragen Kraft im Sinne von Druck und Zug auf unseren Patienten, der sich hierbei glücklicherweise nicht wehrt, wie es im Taiji der Fall ist. Durch den erzeugten „Stress“ beim push hands lernen wir trotz der Anstrengung locker und so entspannt wie möglich zu bleiben. Wir halten unser Zentrum, können trotzdem nach außen wirken – und das viel intensiver! Die Herausforderung beim Stehen alleine (wie z.B. beim Qigong) ist es, die Schwerkraft ungehindert durch uns durch fliessen zu lassen. Durch die Arbeit am Patienten kommen zusätzliche Vektoren hinzu, alles Dinge, die wir im Taiji üben, ohne das unsere Strukturen überlastet und geschädigt werden.

Haben wir diese erste körperliche Stufe gemeistert, können wir uns intensiver auf die energetischen Aspekte einlassen: wir lassen unsere Techniken aus unsere Mitte heraus wirken, sowohl Bewegung als auch Intention sind klar ausgerichtet, zentriert und fokussiert. 

Empfehlenswerte Literatur:

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