Selbstkultivierung in der Chinesischen Medizin – Teil 1

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 Die Selbstkultivierung eines Therapeuten spielt eine sehr große Rolle im Hinblick auf die Fähigkeit, einen klaren Blick auf das Problem des Patienten zu bekommen. Selbstkultivierung bedeutet im Prinzip das Arbeiten an sich selbst, und Konfuzius drückt es folgendermaßen aus:

„好学近乎知,力行近乎仁,知耻近乎勇。知斯三者,则知所以修身; 知所以修身,则知所以治人; 知所以治人,则知所以治天下国家矣。”

„Der, der das Lernen liebt, gelangt näher zum Wissen, der, der in seinen Handlungen immer korrekt ist, gelangt näher zur Großzügigkeit, der, der die Demut kennt, gelangt näher zur Tapferkeit. Diese drei Dinge zu kennen, erlaubt einem die Selbstkultivierung. Weiß man über die Selbstkultivierung, ermöglicht es einem, zu heilen. Weiß man darum, wie man heilt, kann man alles unter dem Himmel heilen.“
Speziell im Bezug auf die Akupunkturausbildungen im Westen (und sicher auch in China) habe ich den Eindruck, daß die technische Seite eher überbetont wird, während der energetische (mit Selbstkultivierung einhergehende) Aspekt dieser Kunst vernachlässigt oder gar nicht erst thematisiert wird. Dies hat nicht zuletzt politische Gründe, die das Thema eines anderen Artikels sein werden.

So studiert man also „Landkarten“ der Meridiane – doch das ist ganz ähnlich, als schaute man sich Bilder ferner Länder an, ohne je dort gewesen zu sein. Fraglich ist auch – woher kommen diese „Landkarten“? Zu irgendeinem Zeitpunkt in der Geschichte muss jemand die Meridiane kartographiert haben. Ich bin der Überzeugung, daß die Meridiane und die darauf liegenden Akupunkturpunkte durch Selbstkultivierung entdeckt wurden. Über eine Innenschau, die in den Inneren Kampfkünsten vielmals als Neigong (内功 innere Fähigkeit) bezeichnet wird.

„Heilung beginnt in uns, und um dorthin zu gelangen, müssen wir das Wissen (des Herzens) suchen…“ Yaron Seidman (Hunyuan Fertility)

Das erste Mal erfuhr ich von Kultivierungsmethoden speziell zur Akupunktur über ein Video von Andrew Nugent-Head. Er nennt es Tangible Acupuncture und ist in der Lage, Sensationen beim Patienten hervorzurufen die er vorher selbst bestimmt (bsp. Körperteile wärmen oder kühlen etc.). Was im relativen Gegensatz zur Methode des Einstechens und Liegenlassens steht.

Ein kürzlich erschienenes Buch namens „Developing Internal Energy for Effective Acupuncture Practice“ von Ioannis Solos beschreibt schwerpunktmäßig Übungen aus der Kampfkunst Yiquan zur Verbesserung der eigenen Nadelfertigkeiten.
Eine aus meiner Sicht ganz besondere Methode wird in dem Buch „Heavenly Streams“ von Damo Mitchell beschrieben. Ziel ist es, die eigenen Meridiane über meditative Techniken zu aktivieren, und sie so ganz konkret fühlbar zu machen, und in der Folge auch eine Manipulation über den Geist zu ermöglichen.

 

Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Buch:

„In my experience I have found it easiest to connect with the Lung meridian first. … As with the rest of the meridians on the arm, the Lung meridian runs closer to the surface between the elbow and the fingers / thumb. This is the easiest part of the meridian to connect with and so we will start here. ….After some time the Yi will begin to thread its way down into the meridian via the point (hier Taiyuan gemeint). ….You will get a tangible sense of the pathway running from the elbow to the tip of the thumb. For a lot of people, this experience is quite a big step in their progress into the internal arts. ….
Be aware though that this is not a subtle sensation. If you are unsure if it is real or if you have imagined it then put it down to your imagination; the sensation is so strong that it cannot be denied. You will not only be aware of the line of the meridian pathway but also the defined edges of the meridian giving it the feel of a thin threedimensional tube which is running beneath the skin. Once the meridian has moved completely into the realm of sensation you will see that its pathway exactly matches the meridian charts passed down through the ages within Daoist medical practices.“

Dies ist etwas anderes, als Landkarten (Leitbahn-Bilder) zu lesen, und erfordert ein großes Maß an Disziplin und Training. Im Januar 2015 habe ich übrigens einen 4-tägigen Workshop des Authors zu diesem Thema besucht, und ich kann die Ausführungen des Buches nur bestätigen. Das Gefühl, zuerst einen Punkt und dann einen Teil des Meridians zu fühlen, ist überwältigend, und entschädigt für das sehr harte Training. Vier Tage lang haben wir sehr viel gedehnt, um die Leitbahnen geschmeidig zu machen – die meiste Zeit jedoch verbrachten wir beim Säulenstehen (站桩 zhanzhuang) – bis zu sieben Stunden pro Tag. Zhan Zhuang ist Bestandteil vieler Innerer Kampfkünste und wird zur Selbstheilung, Entwicklung innerer Kraft oder eben wie in diesem Fall, zur Aktivierung des Meridiansystems benutzt.

Bei Ioannis Solos finden wir eine ähnliche Methode beschrieben: „Werde dir der Lokalisation eines Akupunkturpunktes deiner Wahl auf deinem Körper bewusst. Bei dieser Übung kann man sich einen Regentropfen vorstellen, der auf diesen Akupunkturpunkt fällt und sein Qi aktiviert. Mehrere Tropfen fallen herunter, bis man bemerkt, daß sich das Qi dieses Punktes bewegen kann. Der nächste Tropfen fällt auf den nächsten Punkt entlang des Meridians, und das Qi folgt. Schließlich kann man, wenn man wünscht, einen Teil des Meridians aktivieren, oder bestimmte Punkte, um einen therapeutischen Effekt zu erzielen.“ (Übersetzung durch den Verfasser dieses Artikels)

Innerhalb der Hunyuan Medizin betrachten wir alles durch das Prinzip von Unification und Separation, und gemäß diesem Prinzip alles Lebendigen können wir die Akupunktur als Therapiemethode zum Separationsprinzip zählen. Insbesondere dann, wenn stark manipuliert wird. Der Kommunismus hat die Akupunktur (aus politischen Gründen) als Heilmittel für jedes Leiden unter dem Himmel propagiert, doch schon die alten Klassiker legen nahe, daß man verschiedene Methoden für unterschiedliche Krankheiten anwenden soll. Bei uns in Europa ist es dank dieser Propaganda gang und gäbe, jegliche Erkrankung mit Akupunktur zu behandeln. Ob dies Sinn macht, kann jeder Therapeut für sich selbst herausfinden, jedoch sollte man bedenken, daß es gewöhnlich besser ist, die Therapie dem Patienten anzupassen, und nicht, wie so oft, den Patienten der Therapie.

Es gibt natürlich immer ein Für und ein Wieder, unterschiedliche Blickwinkel, Meinungen, Ansichten – doch das Prinzip hat sich seit Anbeginn der Zeit nie verändert. So sind wir immer wieder aufs Neue gefordert, die Wahrheit mit unserem Herzen zu prüfen, zu forschen, und nicht zu rasten, bis wir die Tugend gefunden haben – das verlorene Herz der Medizin. Wir sollten uns von den Techniken lösen und zurück zum Prinzip streben, denn aus dem Prinzip gehen alle Techniken hervor. Die in diesem Artikel beschrieben Methode zur Aktivierung des Meridiansystems bietet einen völlig neuen (alten?) Zugang zur Akupunktur, und zeigt sehr deutlich, daß die Art WIE man eine Technik anwendet, einen sehr großen Unterschied machen kann. Während beispielsweise eine sehr starke und schmerzhafte Massage Energie nach außen bewegt (Separation), führt ein Handauflegen, eine Verbindung von Mensch zu Mensch zur Beruhigung und dem Zurückfliessen der Energie in die Mitte (Unification). In diesem Sinne wünsche ich mir, daß wir uns mehr in Kontemplation und Selbstreflektion üben.

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